Wie wird sie wohl sein? Die erste Zeit in Kitas nach dem Lockdown? Werden die Kinder, nach so einer langen Zeit Probleme haben sich auf den Kita-Alltag einzustellen? Wird vielleicht sogar die Eingewöhnung von vorne beginnen müssen? Und wie wird es für die besonders gefühlsstarken und hochsensiblen Kinder sein? Geschweige denn für all diejenigen, die sich noch in der Eingewöhnung befunden haben?

Im folgenden Artikel findet ihr dazu meine Einschätzung und praktische Tipps, wie ihr euch vorbereiten und eure Kinder begleiten könnt.

 

 

Es gibt eine recht einfache Formel, speziell für hochsensible Kinder, die sich in meinem Erleben dieser Kinder besonders bewährt hat:

 

Hochsensibles Kind + Veränderung = Zeit + sichere Beziehung

 

Für hochsensible Menschen sind Veränderungen und Übergänge in der Regel eine größere Herausforderung, als für andere. Veränderungen bedeuten etwas nicht einschätzen zu können, weil es neu ist und dies führt zu Unsicherheit und löst Stress aus. Um so gestresster das Nervensystem eines Menschen ist, um so unwohler fühlt er sich und um so empfindlicher und ängstlicher wird er. Als Erwachsene können wir, wenn wir Glück haben, das einigermaßen gut handeln, weil wir bestimmte Tools dazu im Verlaufe unseres Lebens gelernt haben. Kinder haben noch keine Idee davon, was sie tun können, wenn sie besonders überreizt und verunsichert sind, und spüren diese Emotionen unmittelbar in ihrem Körper. Äußern kann es sich unterschiedlich z.B. durch Weinen, Verweigerung, Angst, impulsivem Verhalten, Wut, Rückzug oder psychosomatische Erscheinungen wie undefinierbare Bauchschmerzen, Kopfschmerzen oder eine erhöhte Müdigkeit.

 

Wenn nun Eltern und Kinder ein neuer Übergang bevorsteht (sobald die Kitas wieder öffnen), ist es eine Veränderung. Das ganze Familiensystem wechselt in einen neuen, aber zum Glück bereits bekannten, Zustand. Von dem nestartigen Familienleben, was viele im Moment führen, zurück in ein Haus mit vielen Kindern, Erzieherinnen und das vermutlich unter dennoch neuen und unbekannten Umständen. Wir wissen noch nicht genau, wie die Arbeit in Kitas aussehen wird. Manche Erzieherinnen werden vermutlich nicht am Kind arbeiten, wenn sie einer Risikogruppe angehören. Wird ein Mundschutz von den Erwachsenen getragen? Werden sich Gruppen verändern, weil nicht 20 Kinder gleichzeitig in einer Gruppe betreut werden dürfen? Werden sich dadurch bisherige Abläufe im Kitaalltag verändern?

 

Wir wissen so vieles noch nicht und können daher auch den Kindern oftmals keine Antworten geben. Auch die Erwachsenen fühlen sich durch die aktuelle Unsicherheit überfordert und wer nun im Homeoffice ist, die Kinderbetreuung nebenher stemmt und vielleicht sogar noch Kinder in der Schule hat und sich diesbezüglich noch um Homeschooling kümmern muss, der ist im Moment ohnehin am Rande der Belastungsgrenzen.

 

Das bedeutet, dass hochsensible Kinder mit einer Reihe von Unsicherheiten konfrontiert sein werden und sich aktuell in einer ebenfalls völlig neuen Lebenssituation befinden, die ebenfalls fordernd ist. Nichts davon können wir ändern. Was wir tun können, ist uns bewusst zu machen, wie wichtig es ist, besonders diesen Kindern Zeit während Übergangsphasen zu geben, und ihnen sichere Bindungspartner zu sein. Denn selbst, wenn die Welt im Moment verrückt scheint und nicht mehr vorhersehbar, so finden Kinder doch Ruhe, Halt und Entspannung, wenn ihre Bezugspersonen dies ausstrahlen können.

 

Als Erwachsene haben wir im Moment, mehr denn je die Aufgabe erwachsene, verantwortungsvolle Erwachsene für die Kinder zu sein. Wir sind in der Verantwortung ihnen Sicherheit zu geben, uns gut um unser eigenes Nervensystem zu kümmern, die Kinder gut im Blick zu haben und ihnen ganz viel Raum für ihre Fragen zu schenken. Ich weiß, wie herausfordernd das ist, wenn man sich selbst gerade viele Sorgen macht und Ängste verspürt. Das darf sein. Und das dürfen Kindern auch wissen (wenn wir so tun, als wären wir super cool es aber gar nicht sind, werden sie es sowieso spüren), aber wir dürfen nicht aufhören Zuversicht auszustrahlen, aktiv zu bleiben und das beste aus der Situation herauszuholen.

 

Übrigens ein absolut hilfreiches und simples Tool, um in Krisensituationen nicht verrückt zu werden:

BEWEGUNG

Raus aus dem Kopf und rein in den Körper. Schütteln, hüpfen, tönen, Sport machen, tanzen, klettern, rennen… was auch immer guttut, es ist unfassbar wichtig, nicht permanent die Energie und damit die Sorgen und Gedanken im Kopf zu haben, sondern sich auch in seinem Körper zu spüren, Lebendigkeit zu fühlen und dadurch auch den Emotionen Raum für Ausdruck zu schenken.

 

Was brauchen hochsensible Kinder nun ganz konkret in der Zeit des Lockdowns im Bezug auf die Kita?

 

  • Sie brauchen ein Gefühl von Beziehung zur Kita und ihren Erzieherinnen!
  • Spaziergänge an der Kita vorbei und in dem Kontext Gespräche über die Kita
    (Was vermisst du? Wen vermisst du? Mit was willst du als Erstes spielen? Etc.)
  • Gespräche ganz allgemein über die Situation und damit verbunden die Schließung der Kitas. Habt keine Angst vor den Fragen eurer Kinder, oder davor ihnen Fragen zu stellen. Diese Zeit ist so herausfordernd, wir brauchen Ausdrucksmöglichkeiten dafür und Menschen, mit denen wir über unsere Gedanken sprechen können. In diesem Zuge ist meiner Meinung nach auch wichtig, Kinder über das Corona Virus kindgerecht zu informieren.
  • Bücher/Hörspiele/Filme zum Thema Kindergarten. So bleibt das Thema präsent, als Eltern hat man Gesprächsmöglichkeiten und Kinder bleiben innerlich leichter mit dem Thema Kindergarten verbunden.
  • Kontakt zu Freunden aus der Kita im Rahmen der Möglichkeiten. Telefonieren, Videos schicken, Briefe schreiben. Diese Verbindungen zu halten ist extrem wichtig, für einen guten Start, wenn es wieder losgeht. Wenn ich mich trotz Kontaktsperre noch mit meinen Kitafreunden verbunden fühle, gibt mir das Sicherheit!
  • Kontakt zu Erzieherin! Falls irgendwie möglich, haltet den Kontakt zu den Erzieherinnen eures Kindes. Viele Kitas suchen von sich aus nach Möglichkeiten, wie dies aussehen kann. Aber auch wenn eure Kita gerade noch nicht so richtig weiß, wie sie mit all dem umgehen soll, könnt ihr euch Gedanken machen. Euer Kind kann Briefe und Bilder für die päd. Fachkräfte malen und davon erzählen, was es gerade erlebt, vielleicht ist ein kleines Telefonat möglich. Wenn die Beziehung zu den päd. Bezugspersonen gehalten werden kann, ist dies das Gold für die Zeit nach dem Lockdown! Das ist die Basis für einen guten Übergang in die nächste Phase, das schenkt Sicherheit und Vertrauen.
  • Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Punkte auf jeden Fall helfen werden, dass ein völliger Neustart nicht notwendig sein wird, sofern euer Kind vor dem Lockdown bereits eingewöhnt war. Vermutlich werden die ersten zwei Wochen etwas holprig sein und einer emotionalen Achterbahn gleichen können, aber es wird sich einpendeln.
  • Wenn ihr euch noch in der Eingewöhnung befunden habt, wird es vermutlich nicht an dem Punkt weitergehen, an dem ihr wart, sondern ihr habt neue Voraussetzungen und müsst neu planen, wie die Eingewöhnung nun ablaufen soll.
  • Es gilt, wie immer, jedes Kind ist einzigartig! Wir haben die Aufgabe die Bedürfnisse der Kinder zu beobachten und uns danach zu richten. Und es ist eine Spurensuche. Nicht immer ist der erste Weg, die erste Idee auch das, was zum Ziel führt. Manchmal muss man neue Wege ausprobieren, etwas nachjustieren und immer wach bleiben!

 

 

Bilderbuch für hochsensible/empfindsame Kinder zum Thema Eingewöhnung

 

 

 

Praxistipps, für den konkreten Start in der Kita

 

  • Transparenz! Wenn klar ist, ab wann die Kitas wieder öffnen werden, können wir die Kinder darauf vorbereiten. Wie könnt ihr kindgerecht Zeit sichtbar machen? Gibt es einen Kalender, wo Kreuze gemacht werden bis zum Tag X der rot angestrichen ist? Ziehen wir die Tage als Perlen auf eine Schnur und jeden Tag darf das Kind eine Perle abmachen und kann zählen, wie viele Tage es noch sind? Seid kreativ und passt die Methode dem Verständnis eures Kindes an!
  • An Tag 1 sollte niemand viel erwarten. Tag 1 ist eher wie eine Übersicht über die Situation. Wer ist da? Wie sind die Abläufe? Wie sieht es aus? Ihr solltet für diesen Tag vor allem eins haben… Zeit. Es kann sein, dass euer Kind sich gleich wieder pudelwohl fühlt (was nicht heißt, dass es dann an allen kommenden Tagen auch so sein muss), oder dass euer Kind sich zunächst sehr vorsichtig bewegt und verhält, eure Anwesenheit braucht und gar nicht so lange bleiben möchte. Ich würde an Tag 1 darauf achten, dass das Kind nicht überreizt wird und somit gestresst bzw. dass es nicht zu lange in der Situation bleiben muss, wenn es schon gestresst in die Kita gekommen ist.
  • Es macht Sinn im Vorfeld herauszufinden (falls ihr nicht ohnehin informiert werdet) welche Besonderheiten jetzt in der Kita gelten (z.B. Mundschutz, veränderte Gruppen etc.). Hochsensible Kinder mögen es sehr, sehr, wenn sie sich auf Situationen vorbereiten können. Sich vorbereiten können bedeutet, sich auf etwas einstellen zu können, was einem ein kleines Gefühl von Sicherheit zurückgibt. Also falls ihr nicht informiert werdet, ruft doch einfach mal in der Kita an und fragt nach.
  • Plant Zeit ein! Die kommenden 2 Wochen könnten anders verlaufen, als die vor dem Lockdown. Überlegt euch, wer euch unterstützen könnte, wenn es für euch zeitlich schwierig wird. Hochsensiblen Kindern Druck zu machen, ist fatal. Ihr ohnehin schon schneller erregbares Nervensystem wird dadurch noch mehr gereizt und um so schwieriger wird es werden, sich in der Kita wieder entspannt fühlen zu können. Achtet allgemein auf den Grad der Überreizung eures Kindes. Danach solltet ihr die Dauer einschätzen, die es in der Kita bleiben soll. Nach der Kita ist es wichtig, für eine Entspannungsphase im Tagesablauf zu sorgen, so dass sich das Nervensystem des Kindes regenerien kann.
  • Rituale sind ein bisschen wie Magie. Nutzt unbedingt alle Rituale, gerade zum Ablösen am Morgen, die ihr auch davor schon gelebt habt! Das gibt Struktur und Sicherheit und hilft dem System des Kindes, sich schneller und leichter wieder zu orientieren.
  • Absprachen sind immer hilfreich. Besprecht mit eurem Kind, wann ihr es abholen werdet (es macht Sinn dies an bestimmten Zeitpunkten im Kitaalltag festzumachen). Auch das gibt Sicherheit und Orientierung.
  • Redet mit euren Kindern über die Kita, über die Gefühle eures Kindes, dessen Sorgen und Wünsche!
  • Feiert ein kleines Übergangsritual. Vielleicht bekommt euer Kind einen besonderen Gegenstand, als Symbol für den Neustart! Dieser Gegenstand kann auch als Bezugsobjekt mit in die Kita genommen werden. Oder ihr backt zusammen einen leckeren Kuchen, der am ersten Tag nach der Wiedereröffnung feierlich verspeist wird, oder oder oder.

 

 

Mit dem Projekt “Post an Annabelle” haben Kinder die Möglichkeit ihre Sorgen, Fragen und Gedanken an Annabelle zu schicken und erhalten natürlich auch eine kindgerechte Antwort! In diesen Zeiten kann Annabelle eine tolle Identifikationsfigur darstellen, die Kindern hilft zutrauen und Mut zu finden.

 

 

 

Der Lockdown ist einzigartig und er verschafft Familien eine absolut einzigartige Zeit. Hochsensible Kinder werden sich vermutlich noch stärker an ihre Hauptbezugspersonen gebunden fühlen. Um so wichtiger ist der Kontakt auch in dieser Zeit zu den päd. Fachkräften.

 

Für viele hochsensible Kinder stellt diese Zeit auch eine Chance dar. Sie sind nicht mehr durch das Umfeld, das eine Kita zwangsläufig bietet, überreizt. Viele Eltern sind überrascht, dass das eigene Kind gar nicht zurück in die Kita will und eigentlich sehr zufrieden mit dieser Situation ist. Für ein hochsensibles Nervensystem ist der Lockdown pure Entspannung. Endlich ist man nicht mehr permanent überreizt. Ich kann mir gut vorstellen, dass genau dies bei manchen Kindern einen inneren Widerstand auslösen wird, wenn es daran geht zurück in die Kita zu gehen. Um so wichtiger sind die oben genannten Punkte.

 

Der Lockdown entspricht viel mehr einem gesunden Leben mit HS, als die „normale“ Welt, in der sich besonders hochsensible Menschen ständig Gedanken machen müssen, wie sie sich schützen können und meistens dafür rechtfertigen müssen. Es ist wie ein baden in der Komfortzone und es macht selten Spaß, aus genau der wieder hinaus zu gehen. Auch ich persönlich spüre das deutlich. Macht euch bewusst, dass der Übergang Zeit brauchen wird. Wie immer. Aber das menschliche System ein Meister darin ist, sich an Dinge gewöhnen zu können. Genau das dauert aber bei hochsensiblen Menschen meist einen Tick länger.

 

Und wer es wagt ganz verwegen zu denken… der kann sich jetzt auch die Frage stellen, welches System von Kita, eigentlich wirklich zum eigenen Kind passt.

 


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