Was ist eigentlich der aktuelle Forschungsstand zu Hochsensibilität? Das Thema ist jetzt schon seit einigen Jahren präsent in den Medien und auch im Leben vieler Menschen, aber wie viel Forschung gibt es dazu überhaupt? Was kann man aus der bisherigen Forschung ableiten? Wieso gibt es Hochsensibilität und hat das vielleicht irgendwas mit Trauma zu tun?

Die erste Forschung zu Hochsensibilität ist in den 90er Jahren entstanden und dabei wurden die Selbsteinschätzungen Hochsensibler in Fragebögen abgefragt. Da wurde Beispielsweise angegeben, dass diese hochsensiblen Menschen überdurchschnittlich empathisch waren. Anschließend hat man geprüft inwiefern diese Einschätzungen der Realität entsprechen. Es wurden zum Beispiel Forschungen angestellt, die herausfinden sollten, wie Hochsensible auf Stress reagieren oder welche Charaktereigenschaften häufig in Zusammenhang mit Hochsensibilität auftreten. Diese Forschungen werden nach wie vor gemacht und sollen helfen das Temperament Hochsensibilität besser eingrenzen und verstehen zu können. Parallel dazu ist dann Forschung entstanden, in der funktionelle Magnetresonanztomographie genutzt wurde. Dabei wird die Aktivität in den einzelnen Gehirnbereichen gemessen und es lassen sich einige Rückschlüsse ableiten. Beispielsweise ließ sich feststellen, dass hochsensible Menschen stärker auf die Gefühlsausdrücke einer anderen Person reagieren. Auch bei dieser Forschung wird beobachtet, wie sich Hochsensibilität zeigt und wie es sich von einem „normalen“* Temperament unterscheidet.

Aber woher kommt Hochsensibilität eigentlich? Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten und es gibt leider noch nicht viel Forschung dazu. Man hat allerdings herausgefunden, dass bei vielen Tierarten Individuen auftreten, die vorsichtiger und sensibler sind. Die Vermutung der Forschung ist, dass dies der Gemeinschaft einen evolutionären Vorteil bringt. Hochsensible Individuen bemerken einfach schneller, wenn etwas nicht stimmt und können dann die anderen warnen. In dem Fall geht man also davon aus, dass Hochsensibilität ein zufälliges genetisches Merkmal eines Individuums ist.

Es gibt aber noch eine andere Hypothese. Und zwar gehen einige Forscher davon aus, dass Hochsensibilität durch ein frühkindliches oder Pränatales Trauma entsteht. Warum das so ist, möchte ich gleich erklären, zunächst wollen wir jedoch klären was Trauma überhaupt ist.

Wenn wir Trauma hören, denken wir oft an wirklich furchtbare Dinge wie Krieg, Unfälle, Vergewaltigung und so weiter. Trauma kann durchaus Folge dieser Erlebnisse sein, es kann aber auch Folge von ganz “normalen”* Ereignissen sein. Trauma entsteht nämlich dann, wenn ein Lebewesen durch Erlebnisse überwältigt wird und diese nicht verarbeiten kann. Und das passiert viel mehr als wir annehmen. Kinder werden nämlich viel schneller überwältigt als Erwachsene und je jünger das Kind ist, desto wahrscheinlich ist das auch. Auf ein schlimmes Erlebnis folgt normalerweise Überlebensenergie wie Flucht oder Kampf, aber wenn ein Kind noch sehr klein ist, dann kann es nicht fliehen oder kämpfen, also stellt es sich tot. Es geht in eine Erstarrung hinein. Wird diese Erstarrung nicht wieder aufgelöst und die dahinterliegende Überlebensenergie ausgelebt, bleibt es in Erstarrung. Dieser Zustand ist Trauma. Erstarrung ist jedoch oft nicht so offensichtlich. Diese Erstarrung ist oft eher innerlich und zeigt sich zum Beispiel darin, dass diese Kinder etwas langsamer oder nicht so offen für Fremdes sind als andere Kinder.

Was sind also einige Beispiele dafür, wie Trauma entstehen kann? Zum Beispiel: Der Vater stirbt kurz vor der Geburt des Kindes und das Baby ist direkt der Überforderung und Trauer der Mutter ausgesetzt. Da es diesen furchtbaren Gefühlen nicht entkommen kann, geht das Baby in eine Erstarrung. Es könnte auch sein, dass ein Baby eine lebenserhaltende Operation kurz nach der Geburt hat und dabei schreckliche Angst fühlt. Auch Scheidungen der Eltern oder viel Unsicherheit und Angst über einen längeren Zeitraum hinweg, kann zu einem Trauma führen. Insbesondere dann, wenn die Eltern selbst ein Trauma haben und ihr Kind nicht angemessen in ihren Emotionen halten können. Dieses Trauma nennen viele dann “Entwicklungstrauma” oder “Bindungstrauma”. Es gilt also nicht: “das Kind ist noch so jung, das hat sicherlich keine schlimmen Auswirkungen.” Im Gegenteil! Desto jünger, desto schlechter kann es solche Erlebnisse verarbeiten. Und genau deshalb ist es kein Wunder, dass wir fast alle mehr oder weniger starke Traumata haben. Trauma bedeutet nicht, dass man als Elternteil versagt hat. Trauma ist ein Teil des Lebens, da es auch zum Leben dazu gehört überwältigende Dinge zu erleben. Trotzdem kann uns Trauma behindern und es ist sehr hilfreich sich damit zu beschäftigen, wie man es auflösen kann.

Aber was hat Trauma denn jetzt mit Hochsensibilität zu tun? Nun, die Symptome von Trauma sind oftmals dieselben wie die von Hochsensibilität. Wenn Trauma in uns ist, werden wir Menschen automatisch sensibler, und versuchen alle Gefahren schon im Voraus zu erahnen. Wir können uns viel schlechter regulieren und sind schneller überfordert von äußeren Reizen. Wir gehen stärker in die innere Fantasiewelt oder in Gedanken, da das nicht so gefährlich erscheint. Wir werden sehr sensibel für die Gefühle Anderer, damit wir Gefahren, die von ihnen ausgehen sofort erspüren können. Es gibt noch viel mehr Symptome genauso wie Hochsensibilität bei jedem seine ganz eigene Ausprägung zeigt.

Es lässt sich also vermuten, dass Hochsensibilität irgendwie mit Trauma zusammenhängt. Leider hat die Forschung dazu noch nicht genug Antworten. Aber das ist hoffentlich nur noch eine Frage der Zeit. Es entsteht immer mehr Forschung zu dem Thema und wir kommen der Herkunft von Hochsensibilität immer näher. Tatsache ist jedoch, dass die Symptome von Hochsensibilität mit denen von Trauma übereinstimmen. Und genau deshalb lohnt es sich, sich tiefer mit dem Thema Trauma (wie man es auflösen und damit umgehen kann) zu beschäftigen!

*Ich habe „normal“ in diesem Blogbeitrag öfter in Anführungszeichen gesetzt, weil es sowas wie normal in der Realität natürlich nicht wirklich gibt 😉

Wenn du etwas dazu lesen möchtest, wie man hochsensiblen Kindern durch Berührung helfen kann, dann klicke hier. Wenn du dich weiter mit dem Thema Trauma oder Entwicklungstrauma beschäftigen möchtest, dann klicke hier oder hier.

Dieser Blogbeitrag wurde von Louisa geschrieben. Sie ist Praktikantin bei BunteKinder, studiert Erziehungswissenschaften und ist selbst hochsensibel.

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