Im Hinblick auf die bald wieder anstehende Eingewöhnung vieler Kinder im Kindergarten nach den Sommerferien, wird es eine neue kleine Blogreihe zu hochsensiblen Kindern im Kindergarten geben. Den Anfang macht der folgende Artikel, indem ich euch aufzeigen möchte, was die typischen Verhaltensweisen hochsensibler Kinder im Kindergarten sind und was sowohl ihr als Eltern, als auch pädagogische Fachkräfte tun können, um diese Kinder zu unterstützen.

 

1. Hochsensible Kinder brauchen oft länger für den Beziehungsaufbau

Sie überprüfen neue Bindungspartner unbewusst häufig gründlicher und länger. Das bedeutet, dass sie sich nicht sofort auf eine neue Erzieherin einlassen können, sondern Zeit brauchen. Sie wachsen langsam in eine neue Beziehung hinein, wenn sie diese Beziehung aber als sicher empfinden ist es wie eine kleine Liebe und sie haben das Bedürfnis sich sehr stark auf diese Person zu beziehen. Wenn dann die Lieblingserzieherin krank ist, kann es für ein hochsensibles Kind sehr herausfordernd sein.

Erwachsene benötigen besonders zum Beginn der Eingewöhnung im Kindergarten viel Geduld und Zuversicht. Als Elternteil ist es wichtig sich (wenn möglich) im Hintergrund zu halten und dem Kind und der neuen Bezugserzieherin Raum für ein Kennenlernen und miteinander Spielen zu ermöglichen.

Erzieherinnen können sich manchmal durch solche Kinder entmutigt oder gestresst fühle. Oft bleibt nicht so viel Zeit für den Beziehungsaufbau, denn meistens werden mehrere Kinder eingewöhnt, ein „Eingewöhnungsmodell“ sitzt einem im Nacken und es entsteht schnell ein Gefühl von Unsicherheit, wenn Kinder misstrauisch wirken und Eltern dadurch mit Sorge oder Irritation reagieren.

Tipp: Wenn sich die Eltern und die Erzieherin zusammentun (man nennt das Erziehungspartnerschaft), gut miteinander kommunizieren und einander Vertrauen (dazu gehört auch ein Vertrauensvorschuss), ist das ein gutes Zeichen für das Kind, dass es ebenfalls vertrauen darf.

 

2. Hochsensible Kinder reagieren empfindsam auf die Lautstärke in Kitas

Da hochsensible Menschen über eine andere Form der Reizverarbeitung verfügen, leiden einige Kinder im Kindergarten deutlich unter dem Geräuschpegel. Besonders am Anfang der Kindergartenzeit, kann das überfordernd sein und zu einer Reizüberflutung führen. Das bedeutet, dass das Kind unter Stress steht und sich dementsprechend verhält.

Eltern haben die Aufgabe die pädagogischen Fachkräfte über die Empfindsamkeit ihres Kindes zu informieren und im besten Fall miteinander nach einer Lösung zu suchen. Wenn ein Kind wirklich sehr unter dem Lärm leidet, kann man über eine Form von Hörschutz nachdenken. Falls jemand von euch Erfahrungen damit hat, lasst doch gerne einen Kommentar da!

Erzieherinnen haben die Aufgabe das Kind gut zu beobachten und nach individuellen Lösungen zu suchen (im besten Fall MIT dem Kind). Z.B. einen Rückzugort anbieten, dem Kind gestatten, sich auch im Stuhlkreis rausziehen zu dürfen, wenn es zu laut ist und besonders in Übergangssituationen zu begleiten. Wenn sich alle Kinder gleichzeitig im Flur anziehen ist das oft viel zu viel und viel zu laut. Eine einfache Lösung ist dem Kind anzubieten sich in einer ruhigeren Ecke, oder in einem Gruppenraum anziehen zu dürfen.

 

 

3. Hochsensible Kinder mögen keine zu großen Gruppen

Man kann oft beobachten, dass hochsensible Kinder wenige, aber gute Freunde haben und diese Freunde einen sehr hohen Stellenwert in ihrem Leben haben. Freunde zu finden und in Kontakt zu gehen ist jedoch oft eine Herasuforderung. Im Kindergarten sind hochsensible Kinder mit Gruppen von ca. 20 Kindern zusammen und Kitas werden immer größer! Die letzte Einrichtung in der ich gearbeitet habe bestand aus 4 Kindergartengruppen und 2 Krippengruppen, das sind zusammen ca. 100 Kinder (eher mehr) und das ist eine Menge!

Eltern haben im Moment kaum Auswahlmöglichkeiten, was einen Kitaplatz angeht und das ist ein echtes Problem. Tendenziell ist es für hochsensible Kinder etwas leichter in kleineren, familiären Kitas anzukommen (vorausgesetzt sie haben eine gute Beziehung zu den dortigen Erzieherinnen), was aber nicht heißt, dass sie sich nicht in großen Häusern wohlfühlen können. Es braucht in der Eingewöhnung manchmal etwas mehr Zeit, um sich wohlzufühlen, sich zu orientieren und sich sicher zu fühlen.

Erzieherinnen sind auch hier wieder aufgefordert gut zu beobachten und Kindern zu gestatten, sich rauszuziehen, wenn es ihnen zuviel wird. Außerdem profitieren hochsensible Kinder sehr davon, wenn Erwachsene ihnen bei der Kontaktaufnahme helfen, wenn sie neu in einer Gruppe sind.

 

4. Hochsensible Kinder leben die Ablösung und die Trennung am Morgen lange und intensiv

Die Eingewöhnung stellt für hochsensible Kinder eine enorme Hürde dar und sie benötigen viel Sicherheit und Geduld von Seiten der Erwachsenen. Gerade das sich Verabschieden von der Mama, oder dem Papa am Morgen kann herzzerreißend sein. Sie tun sich generell etwas schwerer mit Veränderungen und dem Loslassen und brauchen hier eine enge und liebevolle Begleitung.

Eltern kann es helfen einen guten Austausch mit der Erzieherin zu pflegen und sie um Hilfe am Morgen zu bitten. Rituale sind tolle Begleiter in dieser Zeit. Ohne ein Vertrauensverhältnis der Erwachsenen zueinander ist diese Phase am Tag nur sehr schwer auszuhalten. Manchmal helfen kleine Vereinbarungen, wie dass die Erzieherin kurz die Mama anruft, wenn sich das Kind beruhigt hat, damit man als Mutter sich nicht die ganze Zeit Sorgen machen muss.

Erzieherinnen müssen diese Kinder wirklich abholen bei den Eltern und begleiten, bis sie sich entspannt haben und sich auf etwas Neues einlassen können. Es gibt Kinder, die auch nach zwei Jahren Kindergartenkarierre am Morgen ein kurzes Andocken brauchen und es ist wichtig, dass sie das auch bekommen. Das hat nichts mit einer gescheiterten Eingewöhnung zu tun, sondern das gehört einfach zu diesen Kindern dazu.

 

5. Hochsensible Kinder machen kleine Schritte

Sie tun sich mit Veränderungen schwer und müssen neue Situationen Schritt für Schritt üben. Eine Eingewöhnung braucht dementsprechend Zeit und muss in kleine, machbare Teile zerlegt werden.

Eltern brauchen Geduld und ein Bewusstsein dafür, eine Eingewöhnung, oder eine neue Situation in kleine Teile zu zerlegen und zu üben. Je öfter eine Situation wiederholt wird, desto vertrauter und leichter wird es werden.

Erzieherinnen brauchen das Wissen über die Besonderheiten hochsensibler Kinder, um zu verstehen, dass es eine andere Handlung und Vorgehensweise, als üblich benötigt. Manche Erzieherinnen spüren sehr gut was ein Kind braucht, andere können sich leichter darauf einstellen, wenn sie sachlich erfassen können, dass ein hochsensibles Kind anders funktioniert.

 

 

6. Hochsensible Kinder brauchen Absprachen

Da diese Kinder ein großes Bedürfnis nach Klarheit und Sicherheit haben, hilft es ihnen verlässliche Absprachen mit den Erwachsenen zu treffen, auf die sie sich verlassen können. Das bedeutet, dass Abmachungen im besten Fall immer zu dritt kommuniziert werden: Kind, Elternteil und Erzieherin. Absprachen können sein, dass das Kind weiß, dass es nach dem Mittagessen abgeholt wird, dass mit der Erzieherin abgesprochen ist, dass es nicht am Stuhlkreis teilnehmen muss etc.

Eltern sollten diese Absprachen ernst nehmen. Wenn sie das Abholen nach dem Mittagessen nicht einhalten können, ist es wichtig im Kindergarten anzurufen, damit das Kind informiert werden kann.

Erzieherinnen verdienen sich durch solche Absprachen stückchenweise das Vertrauen des Kindes. Sie erweisen sich dadurch als zuverlässige Bindungspartner. Kinder genießen es, wenn sie mit ihren Bedürfnissen ernst genommen werden und deswegen ist es sinnvoll alle drei Parteien in diese Absprachen miteinzubeziehen.

 

7. Hochsensible Kinder lieben Struktur und Klarheit

Das bedeutet es fällt ihnen leichter mit neuen Situationen umzugehen, wenn sie die Situation einschätzen können und darauf vorbereitet werden. Typischerweise wird es schwierig im Kindergarten, sobald etwas spontan Ungeplantes passiert, oder ein Übergang stattfindet. Ein Ausflug, eine Geburtstagsfeier von der sie nichts wussten, Angebote, zu denen sie einfach eingeteilt werden, der Übergang vom Mittagsessen zum Schlafen gehen und viele andere, oft kleine Momente, können hochsensible Kinder im Kindergarten schnell irritierten, überfordern und unter Stress setzen.

Eltern rate ich bei Kindern, die empfindlich auf diese Veränderungen reagieren einen Tages- oder Wochenplan mit ihnen zu erstellen, auf dem sichtbar ist, was an welchem Tag ansteht. Es hilft auch, am Morgen kurz darüber zu sprechen, dass z.B. im Kindergarten der Ausflug ins Museum ansteht und wenn das Kind zeigt, dass es sich damit unwohl fühlt nach einer Lösung zu suchen z.B. sich zu überlegen mit welchem Kind oder Erzieherin das Kind gerne zusammen laufen würde, um das dann morgens mit der Erzieherin zu besprechen.

Erzieherinnen brauchen das Wissen darum, dass diese Kinder eine enge Begleitung und eine Vorbereitung/Ankündigung in neuen oder sich verändernden Situationen benötigen. In meiner Arbeit hat es sich als hilfreich herausgestellt mit dem Kind in einer ruhigen Situation zu sprechen und die neue Situation z.B. durch eine Bildkarte oder ein Foto zusätzlich sichtbar und klar zu machen.

 

8. Hochsensible Kinder vertragen keinen Druck

Wenn man Druck auf hochsensible Kinder ausübt, machen sie sehr schnell zu und ziehen sich zurück, oder explodieren. Ihr System wird dadurch schnell überfordert, Stresshormone ausgeschüttet und sie können gar nicht mehr „richtig funktionieren“.

Eltern brauchen Geduld und das Wissen um kleine Schritte und die Bedeutung von einer stabilen Bindung, um sich neuen Situationen aussetzen zu können.

Erzieherinnen müssen verstehen, dass hochsensible Kinder anderes funktionieren und andere Lösungen brauchen, als normal sensible Kinder.

 

 

 

Ich bin wie immer neugierig auf euch und eure Meinung und eure Erfahrungen! Habt ihr besondere Verhaltensweisen eurer Kinder beobachtet, die in meinem Artikel noch fehlen? Habt ihr zu einem der Themen eine bestimmte Frage? Wie erlebt ihr die Fachkräfte in euren Kitas im Zusammenhang mit der Hochsensibilität eurer Kinder?

 

 

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