Was tun, wenn das Kind im Kindergarten auffällt, weil es zu langsam ist?

 

In meinem heutigen Blogartikel möchte ich das Thema zweier meiner Blogleserinnen aufgreifen, die sich Gedanken darum gemacht haben, wie man als Mutter damit umgehen kann, wenn das Kind in der Kita durch seine Langsamkeit auffällt. In manchen Kitas hat man Glück und den Kindern wird ihre Zeit zugestanden und kann ihnen auch zugestanden werden. In anderen Kitas ist es zeitlich vielleicht schwierig, oder man hat das Pech auf nicht besonders geduldiges Fachpersonal zu treffen.

 

Wie immer möchte ich euch explizit darauf hinweisen, dass ich keine perfekte Lösungen habe, sondern Ideen und Impulse weitergeben möchte. Die Situation hängt so sehr vom Kind, den Eltern und der Kita ab, dass ein individuelles Herangehen immer nötig ist. Für eine gute Kommunikation sind immer alle Beteiligten verantwortlich und dazu möchte ich euch heute ein klein bisschen inspirieren.

 

“Langsame” hochsensible Kinder

 

Schnell passiert es, dass Kinder in Kitas durch ihre Langsamkeit auffallen und für die Erzieherinnen irgendwann zur Herausforderung werden.

 

Sie brauchen am längsten, um sich die Schuhe anzuziehen (weil es z.B. so wahnsinnig viele Reize sind, wenn sich eine ganze Gruppe gleichzeitig anzieht im Flur).

Sie brauchen lange, um aufzuräumen (weil sie z.B. so vertieft ins Spielen waren, dass sie gar nicht gehört haben, dass Aufräumzeit ist oder es im Zimmer so laut ist, dass sie die Reize nicht auseinander filtern können).

Sie sitzen „viel zu lang“ am Esstisch (Essen kann für viele HSK ein echtes Thema in Kitas sein, da sie besonder sensibel auf Geschmäcker und Konsistenzen reagieren).

Sie können sich im Stuhlkreis nicht entscheiden was sie spielen möchten (weil es so viele Möglichkeiten gibt), oder kommen nicht mit (weil sie z.B. noch in Gedanken bei dem Spiel davor sind).

 

Natürlich gibt es noch viel mehr Situationen in denen HSK auffallen, weil sie langsamer sind, als die anderen. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass hochsensible Menschen eine andere Art der Reizverarbeitung haben. Man also tatsächlich Zeit braucht um sich zu sortieren und es bei vielen Außenreizen super schwierig werden kann, sich zu fokussieren. Wenn wir Langsamkeit durch Zeit ersetzen, können wir der ganzen Sache eine positivere Bedeutung geben. Hochsensible Menschen brauchen tatsächlich in vielen Bereichen ihres Lebens mehr Zeit und sind häufig sogenannte „Spätzünder“. Die Eingewöhnung in der Kita dauert oft länger, Entscheidungen sind manchmal eine Geduldsprobe für Eltern und manchmal ist das Kind einfach mit dem Kopf komplett woanders und das Frühstücken völlig unwichtig.

 

 

Perspektivwechsel

 

Meine Erfahrungen mit hochsensiblen Kindern im Kindergarten hat mir dies in den letzten Jahren eigentlich täglich bestätigt. Und natürlich kenne ich als Erzieherin die Problematik. Bei zwanzig Kindern in der Gruppe und einem zeitlich völlig durchgetakteten Tagesablauf und häufiger Unterbesetzung kann ein Kind, was deutlich länger braucht, um sich für den Garten anzuziehen, herausfordernd sein. Nicht, weil man sich nicht gerne die Zeit nehmen würde, oder das Kind einen nervt, sondern, weil man selbst so wahnsinnig unter Druck und Anspannung steht. Hast du schon einmal zwanzig Kinder alleine gleichzeitig angezogen? Das ist Chaos und Reize pur, gerade wenn die Hälfte schon fertig ist, anfängt in den dicken Sachen zu schwitzen und zwei, drei Kinder noch immer in den Hausschuhen stecken. Und dann passiert es super schnell, dass der Druck an das Kind weitergegeben wird. Oder wenn alle Kinder schon aufgeräumt haben und im Kreis sitzen und ein Kind noch immer damit beschäftigt ist Klötze in eine Kiste zu legen und die ganze Gruppe warten muss. Ich möchte hier ungeduldiges Verhalten von Erzieherinnen nicht rechtfertigen, aber dafür Verständnis wecken. Erzieherinnen sind auch nur Menschen, haben gute und schlechte Tage und sind Umständen unterworfen, die sie nicht beeinflussen können (Unterbesetzung etc.).

 

Die Lösung ist so simpel, wie nahe liegend, aber für viele eingefahrene Köpfe, Konzepte und Teams fast nicht vorstellbar. Loslassen… den Druck rausnehmen, sich sinnvoller aufteilen, den Kindern vertrauen und die Situation akzeptieren. Je mehr wir uns für die Einzigartigkeit von Kindern öffnen und dafür, dass jedes Kind auch sein ganz eigenes Tempo hat, um so mehr können wir uns entspannen (als Eltern und Erzieherinnen).

 

Sofern es möglich ist, macht es immer Sinn sich besser aufzuteilen, als Fachkraft mit den fertigen Kindern schon mal raus gehen und einer Praktikantin die übrigen Kinder übergeben, die dann völlig entspannt und in Ruhe die Kinder beim Anziehen begleiten kann. Oder sich einfach nicht daran stören, wenn ein Kind länger zum Aufräumen braucht, sondern einfach mit dem Morgenkreis beginnen und sich freuen, wenn auch die letzten Kinder dazu gestoßen sind. Auch beim Essen können Praktikanten die Rettung sein. Wenn ein Kind ein langsamer Esser ist, muss das ja zunächst niemanden stören. Sofern die anderen Kinder aufstehen dürfen und das essende Kind nicht alleine gelassen wird. Nun, diese Zeilen gingen wohl eher an meine Kolleginnen *g* Ich erlebe es leider so oft, wie starr die Denkmuster manchmal sind und dass es wichtig scheint, dass sich alle an die gleichen Regeln halten (oft an sehr alte Regeln…) und alle das gleiche Tempo haben sollen. Natürlich wäre das viel, viel einfacher. Aber es ist völlig unrealistisch. Kitas müssen sich auf den Weg machen flexibler zu denken und für das einzelne Kind stimmige Lösungen zu finden und dabei trotzdem die Gruppe an sich nicht aus den Augen verlieren. Und das ist ein Balanceakt, der wirklich nicht einfach ist.

 

 

 

Ein offenes Gespräch mit der Erzieherin

 

Als Elternteil kann man natürlich nicht die komplette Haltung eines Kitateams ändern. Man kann aber versuchen ins Gespräch zu kommen, für das eigene Kind! Mit dem Ziel, Verständnis zu erwecken für die Bedürfnisse des Kindes. Im Endeffekt geht es in der Arbeit in einer Kita ja schließlich genau darum! Die Bedürfnisse von Kindern zu beobachten, erkennen und zu verstehen und dann darauf einzugehen und die Kinder auf ihrem Weg zu begleiten und zu unterstützen.

 

Wenn du als Mutter das Gefühl hast, dass dein Kind unter Druck gesetzt wird, weil es zu langsam ist und es darunter leidet, dann ist es Zeit für ein Gespräch. Bitte überprüfe davor, was dein Gefühl ist und was „echt“ ist. Manchmal nehmen wir sehr auf einer Wahrnehmungsschiene wahr und neigen zum Überinterpretieren. Und häufig sind Erzieherinnen wahre Projektionsflächen für unsichere Eltern und deren Ängste und Themen. Natürlich gibt es überall schwarze Schafe, aber wir tun uns gegenseitig einen echten Gefallen, wenn wir einem anderen Menschen nicht gleich boshafte Absichten unterstellen und ihn im Vorfeld verurteilen.

 

Deswegen ist die wichtigste Basis für ein gutes Gespräch die Haltung, mit der man hinein geht. Frage dich, wie du selbst gerne in so einem Gespräch behandel werden möchtest! Du möchtest mit deinem Anliegen ernst genommen werden, du möchtest auf einen offenen und freundlichen Menschen treffen, der dir zuhört und Verständnis hat. Du möchtest Ehrlichkeit und du wünscht dir eine Lösung, mit der du ein gutes Gefühl hast. Kurz gesagt einen respektvollen, menschlichen Umgang. Erwarte diese Haltung dir gegenüber nicht nur von deinem Gesprächspartner, sondern bringe sie auch selbst ins Gespräch! Vorwürfe, Verurteilungen, Unaufrichtigkeit und eine Abwehrhaltung können nicht dazu führen, dass man eine gute Gesprächsebene findet. Warum ich das hier so ausführlich schreibe? Ich habe schon viele, viele Elterngespräche geführt und oft geht es gar nicht so sehr um das Problem, sondern eher um den Beziehungsaufbau und das Vertrauen. Und die Hauptarbeit ist genau das… ich muss mich als Erzieherin unglaublich anstrengen und unglaublich viel Raum halten, um die Eltern mit Offenheit und Freundlichkeit zu entspannen und zu lockern. Und manchmal macht es mich wirklich traurig, mit wie viel Misstrauen und Vorwürfen (und die oft nicht direkt ausgesprochen, sondern nur spüren lassend) man als Erzieherin konfrontiert ist. Dabei versucht man den ganzen Tag sein Bestes zu geben, denn bei der Bezahlung und der gesellschaftlichen Anerkennung braucht man schon eine gehörige Portion Idealismus und eine echte Hingabe zu Kindern, um diesen Job jahrelang ausüben zu können.

 

Wenn wir anfangen würden uns nicht als Gegner zu sehen, sondern Eltern und Erzieherinnen zusammenfinden um FÜR das Kind zu arbeiten und sich beide Seiten Mühe geben, eine freundliche Beziehung zueinander aufzubauen, dann würden sowohl Eltern und Erzieherinnen vermutlich viel entspannter in Elterngespräche gehen.

 

Denn eigentlich sind die eine tolle Möglichkeit sich auszutauschen, sich besser kennenzulernen und vor allem das Kind besser zu verstehen. Also es lohnt sich, sich Gedanken über die eigene Haltung und Ausstrahlung zu machen, mit der man in so ein Gespräch gehen möchte!

 

Ebenso wichtig ist das Ziel. Wenn du als Elternteil um ein Gespräch gebeten hast, solltest du dir auch überlegen, was genau du ansprechen möchtest und was dein Wunsch ist. Also in unserem Fall möchtest du mit der Erzieherin darüber reden, dass dein Kind oft langsamer ist, als die anderen und dass du dir Gedanken darüber machst, wie du und die Kita, damit am Besten umgehen können. Dabei ist es dir wichtig die besonderen Bedürfnisse deines Kindes ernst zu nehmen und auch das Verhalten durch die Veranlagung der Hochsensibilität besser erklären zu können. Dir sollte es auch wichtig sein die Perspektive der Erzieherin zu hören (und zu verstehen) und dann gemeinsam mit ihr nach Lösungen suchen.

 

Anmerkung: Es kann sein, dass die erste Lösungsidee nicht die ist, die auch funktioniert. Es ist ein Prozess. Und manchmal muss man nochmal anders denken und etwas Neues ausprobieren. Es geht dabei nicht darum, dass etwas „falsch“ ist, sondern es geht dabei darum sich auf den Weg einzulassen mit Neugier! Denn es ist doch super spannend, ein Kind wirklich verstehen zu wollen, oder?

 

Die Lösung für ein erfolgreiches Gespräch in der Kita ist nicht nur das Verhalten des Kindes zu besprechen, sondern aktiv an der positiven Beziehung zur Erzieherinnen zu arbeiten und GEMEINSAM für das Kind zu sein. Und auch wenn es manchmal schon etwas verfahren scheint, lohnt es sich, einen Neuanfang zu wagen. Und wenn der nicht von der Erzieherin ausgeht, dann eben einfach von dir als Elternteil.

 

Es kann wahre Wunder bewirken, wenn wir Menschen einladen. Einladen zu einem Gespräch, einladen uns besser kennenzulernen, einladen sich zu öffnen und zu zeigen, einladen sich verletzlich zu machen, einladen zu vertrauen, einladen zum Lachen, einladen zum Austausch oder einladen, in dem wir um Hilfe bitten.

 

Und im Fall von hochsensiblen Kindern ist es die Einladung, sich auf eine besondere Veranlagung einzulassen und zu versuchen die Bedürfnisse, die daraus resultieren zu verstehen und ihnen Raum zu geben, so dass sich das Kind wohl und sicher fühlen kann.

 

 

Bilder: pixabay.com

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