Das ist leider die Erfahrung, die ich persönlich und durch die vielen Coachinggespräche mit Müttern gemacht habe und in meinem heutigen Blogartikel, möchte ich genau darüber schreiben. Denn gerade für die hochsensiblen Kinder und ihre Eltern entsteht dadurch ein Dilemma, das oftmals nicht zu lösen ist.

 

Persönlicher Einblick:

Meine Karriere als Erzieherin hätte eigentlich optimal ablaufen können. Mit meiner heutigen Berufserfahrung, Weiterbildung und Fortbildungen werde ich überall gern genommen und mit ein bisschen Einsatz hätte ich vermutlich längst irgendwo als Leitung arbeiten können, um „vernünftig“ Geld zu verdienen und das zu erreichen, was man als Erzieherin erreichen kann. Was bedeutet hätte brav 100% arbeiten, einem Träger freundlich in den Hintern zu kriechen und mit wahnsinnig viel Geduld einen Haufen pädagogische Fachkräfte irgendwie auf Spur zu halten, um einen möglichst schönen Ort für Kinder zu erschaffen. Warum das nicht funktioniert hat? Weil ich nicht „brav funktionieren will“, weil ich andere Bedürfnisse habe, weil ich klare Werte habe, weil ich nicht permanent gegen Kolleginnen, Eltern oder Träger kämpfen möchte und weil die Bedingungen nicht verlockend sind. Weil es fast unmöglich erscheint, dass wir einen Ort erschaffen wo wir als Menschen (Kinder und Erwachsene) mit unseren Bedürfnissen sein dürfen.

 

Mein letzter Versuch als normale Erzieherin zu funktionieren, funktionierte nicht, weil ich nicht mehr funktionieren konnte.

 

Und genauso erleben es auch viele Kinder und Eltern im Moment. Je mehr man mit sich selbst verbunden ist, je mehr man Kinder in ihren Bedürfnissen achtet, ernst nimmt und MIT ihnen eine Lösung sucht, desto mehr fällt man aus dem gängigen Rahmen der gelebten Erziehungsvorstellungen, die noch in vielen Kitas herrschen. Anstatt, dass gemeinsam nach Lösungen gesucht wird, ist der Erziehungsstil der Eltern falsch und soll geändert werden. Was ja im Prinzip einer Entmündigung der Eltern gleichkommt… Es geht um gegenseitige Fehlersuche, Schuldzuweisung und ein Gegeneinander, anstatt um Erziehungsparterschaft. Davon wird in pädagogischen Teams auch oft gesprochen, aber Theorie und Praxis können Welten trennen.

 

Am deutlichsten wird das ganze Dilemma in der Eingewöhnung. Es ist prinzipiell schon mal sehr gut, wenn eine Einrichtung ein Modell hat, einen Plan, wie eine Eingewöhnung begleitet werden soll und Eltern darüber aufgeklärt werden. Aber wie kann man bei einem Modell vergessen, dass jeder Mensch einzigartig ist? Da klammern sich pädagogische Fachkräfte an Modellen fest und machen sich selbst und den Eltern einen mega Druck, anstatt sich zu entspannen, das Kind zu beobachten und hinzuspüren, was das Kind braucht. Und es ist jedes Mal anders!

 

Es gibt Kinder, die sind nach ein paar Tagen oder Wochen eingewöhnt, fühlen sich wohl, finden schnell Freunde und kommen morgens gerne. Es gibt Kinder, die brauchen sehr viel länger Zeit um Vertrauen zu empfinden und deswegen fällt ihnen alles etwas schwerer, sie benötigen viel Beziehungsaufbau seitens der ErzieherInnen und können noch Wochen später sich weinend an die Mama bei der Ablösung klammern.

 

 

Alles darf sein! Denn wir alle sind anders, bringen eine andere Biografie mit, eine andere Veranlagung, einen anderen Start ins Leben, ein anderes familiäres Umfeld. Und zwar ALLE Beteiligten. Das Kind, die Erzieherin, Mama und Papa. Ein Modell kann uns eine gute Orientierung sein! Beim Berliner Eingewöhnungsmodell ist z.B. klar verankert, dass wenn ein Kind sich bei der 1. richtigen Ablösung nicht von der Bezugserzieherin beruhigen lässt, es noch nicht sicher genug gebunden ist und somit mehr ZEIT braucht! Wie viel Zeit, das muss individuell ausprobiert werden.

 

Und ums Ausprobieren geht es hier sowieso! Aus diesem Grund sind auch die Kommunikation und das Vertrauensverhältnis zwischen pädagogischer Fachkraft und Eltern so unerlässlich!!!! Eine Mutter muss sich darauf verlassen können, dass sie von der Erzieherin informiert wird, wie es dem Kind ging und darauf, dass sie von der Erzieherin angerufen wird, wenn das Kind länger als 15 Minuten am Stück schreit und sich nicht beruhigen lässt! Eine Erzieherin muss sich darauf verlassen können, dass die Mutter auch zu erreichen ist!

 

Leider herrschen in Kitas noch viele „alte“ Denkmuster, die unglaublich schwer zu lösen sind. Und ich selbst kann mich nicht davon frei machen, dass ich früher nicht so eingewöhnt habe, wie ich es heute tue und auch ganz klar empfehle. Frisch aus der Ausbildung kommend, orientiert man sich natürlich zunächst an seinen Kolleginnen und daran, wie sie es tun und darüber denken. Die „Alten“ geben ihr Wissen an die „Jungen“ weiter und oft entsteht dadurch schon Bewegung, denn die „Jungen“ bringen natürlich auch neue Erkenntnisse aus der Bindungsforschung mit und mit ein bisschen Glück werden sie ernst genommen. Je selbstbewusster ich wurde, desto klarer konnte ich kommunizieren und desto deutlicher habe ich auch gespürt, was sich für mich stimmig anfühlt und was nicht.

 

Es gibt aber wirklich nach wie vor Erzieherinnen, die der Meinung sind, eine Eingewöhnung darf nicht länger als x oder y Wochen dauern.

Es gibt Erzieherinnen die das Weinen von Kindern in der Eingewöhnung (!!!) ignorieren, weil es für sie Trotz darstellt und sie den Machtkampf gegen das Kind gewinnen wollen.

 

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat für mich persönlich in einem Arbeitsverhältnis, was ich daraufhin gekündigt habe, war eine ähnliche Situation, in der eine pädagogische Fachkraft einem Kind Trost verweigerte, weil es ja selbst Schuld gewesen sei… Mir zerreißt es da das Herz. Komplett. Aber auch ich bin des Kämpfens so müde und fühle Resignation was die Arbeit im Kindergarten angeht und bin manchmal so sprachlos über die Erzählungen der Mütter bei mir im Coaching, die ähnliches erleben.

 

 

Die große Kunst scheint mir für Eltern zu sein, einen Kindergarten zu finden, der offen für Individualität ist (und zwar nicht nur nett formuliert in der Konzeption, sondern auch in der gelebten täglichen Haltung). Hochsensible Kinder, die erst Recht ein bisschen auffallen, weil sie anders sind, anders funktionieren, andere Voraussetzungen brauchen und anderes Verhalten zeigen, sind auf wohlwollende und flexible Erzieherinnen angewiesen, die sie dabei begleiten diesen intensiven Prozess zu durchleben. Eine Eingewöhnung ist ein komplett neuer Lebensabschnitt mit neuen Menschen, einem neuen Ort, neuen Abläufen, Loslassen und großen Unsicherheiten verbunden und wie können wir überhaupt über etwas anderes nachdenken, als Kindern in dieser Zeit primär Beziehung und dadurch Sicherheit anzubieten??? Sowohl die Eltern, als auch die Erzieherinnen sollten GEMEINSAM FÜR DAS KIND arbeiten und denken, denn wir wollen doch alle dasselbe. Wir wollen alle, dass das Kind sich wohl fühlt! Wieso arbeiten wir dann mit Schuldzuweisungen und Bewertungen, anstatt dass wir uns bemühen, uns kennenzulernen, uns zu vertrauen und ganz viel miteinander zu sprechen?

 

Mein hochsensibler Kopf, kann tatsächlich nicht verstehen, dass es ganz oft so anders ist.

 

An dieser Stelle muss ich dennoch kurz eine Lanze für meine Kolleginnen brechen, denn natürlich gibt es auch tolle, einfühlsame ErzieherInnen, die sich die Beine für die Kinder ausreißen! Und oft ist da auch einfach viel Überlastung und Überforderung, durch Personalmangel, räumliche Möglichkeiten, Konflikte im Team, überbelegte Gruppen und und und. Ich habe in jeder Kita auch ganz wundervolle Kolleginnen kennenlernen dürfen, die für ihren Beruf leben und sehr reflektiert arbeiten konnten.

 

Fakt ist leider, dass sich in meinen Coachings einfach ein Thema immer ähnelt. Und das ist der Druck den Erzieherinnen auf Eltern und Kind in der Eingewöhnung ausüben (müssen) und der dazu führt, dass es nicht zu einem MITEINANDER kommt, sondern zu einem gefühlten GEGENEINANDER und damit fangen die Probleme direkt in den ersten Wochen an.

 

Und das ist verdammt schade!

 

Was kann man nun tun, als Mutter oder Vater eines Kindes, was dazu gedrängt wird ganz schnell im System brav zu funktionieren (und das ist ja eigentlich auch ein gesellschaftliches Thema und Problem)?

 

Ich rate eigentlich immer dazu ein Beziehungsangebot an die Erzieherin zu machen! Durch Offenheit, Ehrlichkeit, Fragen stellen, sich interessieren und auch positives Feedback kann man bei Menschen Türen öffnen und das braucht es. Viele Erzieherinnen fühlen sich nämlich selbst ganz schnell bewertet von Eltern, bekommen das Gefühl, dass sie etwas falsch machen, sich nicht genug Mühe geben, nicht den Erwartungen entsprechen und verspüren Druck, den sie dann weitergeben. Ein Teufelskreislauf, den man durchbrechen kann, indem man einlädt in Beziehung zu treten und manchmal müssen da die Eltern den ersten Schritt machen, wenn es die pädagogische Fachkraft nicht kann.

 

Das Ziel ist das Wohlbefinden des Kindes und darauf fokussiert, können dann oftmals auch schöne Lösungen gefunden werden.

 

 

Bedauerlicherweise klappt das nicht immer. Manchmal sind die Fronten schon zu verhärtet, manchmal sind die Glaubenssätze zu stark und die Vorstellungen darüber „wie etwas abzulaufen hat“. Dann muss man sich als Eltern ehrlich zusammen setzen und besprechen und hinspüren, ob man sich anpassen kann, und will und das dem Kind zumuten kann und will. Solange das Kind ernst genommen wird, getröstet wird und eine positive Beziehung zur Erzieherin im Aufbau ist, sind schon gute Faktoren gegeben, auf denen man aufbauen kann. Kinder können auch sehr gut unterscheiden wer ihnen guttut und wer nicht und suchen sich oft die passenden Bezugspersonen selber aus. Wenn man aber als Elternteil spürt, dass es dem Kind nicht gut geht und es nicht gesehen wird in seinen Bedürfnissen und man als Elternteil schnell abgestempelt in einer Schublade gelandet ist, dann darf man sich durchaus die Frage stellen, ob dieser Kindergarten den eigenen Werten entspricht und ob man sein Kind dort betreuen lassen möchte. Die Konsequenzen sind natürlich aktuell richtig schwierig, denn es gibt kaum Betreuungsplätze und wer schnell wieder arbeiten muss, hat dann wirklich ein Problem.

 

Wichtig bei so einer Entscheidung ist vor allem zwischen Bauchgefühl und Intuition zu unterscheiden. Das Bauchgefühl hängt oft mit unserer eigenen Vergangenheit und Erfahrungen zusammen und wird durch das Weinen am Morgen z.B. angetriggert. Dann muss man sich die Frage stellen, ob es dem Kind wirklich dauerhaft schlecht in der Einrichtung geht, oder ob man selbst ein altes Thema in sich trägt und das der eigentliche Grund für die vielen Sorgen ist. Wenn man aber spürt, dass es sich falsch anfühlt und man sieht, dass das Kind dort in seinen Bedürfnissen missachtet wird, sollte man sich nicht einreden lassen, dass der eigene Erziehungsstil Schuld ist und man jetzt einfach mal härter zu dem Kind sein soll… und ja, das gibt es…

 

In meiner Begleitung für Eltern achte ich genau auf diese Punkte. Wo sind Trigger persönlicher Art und das Kind kann sich aber auf Dauer gut in der Kita entwickeln und wo sind die Voraussetzungen im Kindergarten nicht so, dass ein (hochsensibles) Kind sich wirklich entfalten kann. Wenn du dir eine Beratung von mir wünscht, dann nutze meine Angebote.

 

Coaching und Wegbegleitung 

Ratgeber zur Eingewöhnung hochsensibler Kinder 

Bilderbuch für hochsensible Kinder zum Thema Eingewöhnung 

Online Kurs um dich mit der Hochsensibilität deines Kindes vertieft zu beschäftigen

Lesestoff auf meinem Blog 

 

Beim Lesen des Artikels wurde sicherlich deutlich, dass mich dieses Thema persönlich sehr beschäftigt und ehrlicherweise auch aufwühlt. So sehr wie ich es mir wünsche, ich habe selbst noch keine Lösung gefunden, wie es gelingen kann, dass es selbstverständlich ist Kinder gleichwürdig zu behandeln sowohl im Elternhaus, als auch im Kindergarten und alte pädagogische Vorstellungen sitzen so erschreckend tief in manchen Kitateams, dass ein Auflösen und Aufweichen noch sehr lange dauern wird.

 

Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn Ihr eure Erfahrungen mit den LeserInnen und mir in den Kommentaren teilt. Was habt ihr erlebt? Wie habt ihr Lösungen gefunden? Habt ihr schon mal die Kita gewechselt zum Schutz eures Kindes? Habt ihr positive Erfahrungen gemacht? Nach welchen Kriterien habt ihr die Kita ausgewählt?

 

Ich danke euch fürs Lesen!

 

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